DEQA-VET: Interview mit Sabine Kurz, Referentin für Qualitätsentwicklung in Bremen

Interview mit Sabine Kurz, Referentin für Qualitätsentwicklung in Bremen

DEQA-VET: Im schulischen Bereich der beruflichen Bildung hat sich im vergangenen Jahrzehnt in Bezug auf das Thema Qualitätssicherung (QS) viel getan. Rund die Hälfte der Bundesländer nutzt das aus der Schweiz stammende Qualitätssicherungssystem Q2E (Vgl. DEQA-VET-Übersichtskarte). Worin liegen aus Ihrer Sicht die Gründe für die breite Nutzung dieses Modells?

Sabine Kurz, Referentin für Qualitätsentwicklung und Standardsicherung

Kurz: Hier zitiere ich gerne die Homepage von Q2E, weil sich erstens in Bremen in der Praxis zeigt, dass es tatsächlich „ein wirksames System zur Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung unter besonderer Berücksichtigung der Eigenheiten von Bildungsorganisationen und Bildungsprozessen“ sein kann. Entscheidend dabei ist, dass die Akteure Verantwortung für die Qualität übernehmen, indem sie sich an der Festlegung der Ansprüche an die Qualität der eigenen Arbeit beteiligen, Prozesse der institutionellen Qualitätsentwicklung mittels Selbstevaluationen mitinitiieren und -gestalten und Feedback als wesentliche Methode individueller Qualitätsentwicklung und zur Reflexion der eigenen Arbeit nutzen. Zweitens eignet es sich in besonderer Weise als „Aufbaumodell“ für die Einführung von Qualitätsmanagement an beruflichen Schulen. Schließlich drittens: Bereits das Akronym steht für das, wozu nahezu jedes Schulgesetz seine Schulen verpflichtet: Evaluation und Entwicklung.  

 

DEQA-VET: DEQA-VET wird in Zukunft Mitglied des „Länderforums Q2E“ sein. Wie ist diese länderübergreifende Kooperation entstanden und wie ist sie organisiert?

Kurz: Erste Ansätze zur länderübergreifenden Kooperation gehen zurück auf das Jahr 2004. Als an den beruflichen Schulen in Bremen Q2E eingeführt wurde, geschah dies nahezu zeitgleich ebenfalls in Baden-Württemberg mit OES und im Main-Kinzig-Kreis in Hessen. Da wir feststellten, dass wir vor ähnlichen Herausforderungen stehen, haben wir ein erstes „lockeres“ Arbeitsbündnis Bremen-Frankfurt-Stuttgart gegründet.
Wie auf Ihrer Homepage informativ abgebildet, erfolgte die Einführung von QM-Systemen an beruflichen Schulen in den einzelnen Bundesländern in der Regel projektförmig. Dies war verbunden mit dem Ziel, Möglichkeiten und Grenzen von Eigenverantwortung sowie entsprechende Umsetzungsmöglichkeiten herauszuarbeiten. Über die Vernetzung dieser Projekte stellte sich rasch heraus, dass es ein verbindendes Thema für alle beteiligten Länder gibt: „Gelingensbedingungen für die erfolgreiche Implementierung von QM an beruflichen Schulen“. 2007 gab es dann konsequenterweise eine erste überregionale Fachtagung (Bremen) mit beeindruckender Resonanz. Im Rahmen dieser Fachtagung hat sich dann das „offizielle“ Q2E-Länderforum konstituiert. Das Länderforum tagt zweimal jährlich, jeweils in einem anderen gastgebenden Bundesland. Das gastgebende Land lädt ein, stimmt die Tagesordnung ab und ist für die Logistik während der Veranstaltung zuständig. Jedes teilnehmende Bundesland kann Vertretungen der Bildungsverwaltung, der Wissenschaft und des Unterstützungssystems entsenden. Angestrebt wird zudem, dass eines der jährlichen Treffen an eine extern veranstaltete oder an eine selbstorganisierte überregionale Fachtagung angebunden ist.


DEQA-VET: Wo sehen Sie den Nutzen des „Länderforums Q2E“? Inwieweit gibt es Schnittstellen zu Bundesländern, die andere QS-Systeme verwenden?

Kurz: Zum einen sind wir über das Länderforum gut und in Kontinuität über die einzelnen Entwicklungslinien in den unterschiedlichen Bundesländern informiert. Der große Gewinn besteht m.E. jedoch darin, dass in wichtigen Fragestellungen und Aspekten ein vertiefter fachlicher Austausch gelingt. Dies wirkt sich ungemein positiv auf die Weiterentwicklungen im eigenen Land aus.
Was das QM betrifft, so ist das Länderforum im positiven Sinne sehr heterogen, denn es gewährleistet, dass die gesamte thematische Bandbreite „QM an beruflichen Schulen“ abgedeckt ist: Von Fragen der Implementierung und den damit verbundenen Herausforderungen bis hin zu derzeit stark favorisierten und diskutierten Fragen hinsichtlich der Wirksamkeit von QM.
Grundsätzlich steht das Länderforum auch Vertretungen aus Bundesländern, die nicht in Anlehnung an Q2E arbeiten, offen. Zum Beispiel ist Sachsen, auf Grund des guten Austausches zum Thema Externe Evaluation/Inspektion, seit 2012 im Länderforum vertreten. Spezielle Institutionen können – je nach thematischer Anbindung – einen längeren Gaststatus erhalten. Hier ist  z.B. die Deutsche Gesellschaft zur Zertifizierung von Managementsystemen mbH (DQS) zu nennen, die sich in den letzten zwei Jahren insbesondere mit Zertifizierungsmöglichkeiten für Schulen, die in Anlehnung an das oder mit dem Modell Q2E arbeiten, beschäftigt hat.
Von Beginn an bestehen sehr gute Kooperationsstrukturen mit der Fachhochschule Nordwestschweiz, da hier Q2E über Prof. Norbert Landwehr und Peter Steiner angebunden ist; aber seit inzwischen mehreren Jahren auch eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit der ARQA-Vet in Wien, das österreichische Äquivalent zur DEQA-VET in Deutschland. Aus diesem Grund freuen wir uns ganz besonders, dass die DEQA-VET zukünftig am Länderforum teilnehmen wird.

 

DEQA-VET: Länder, wie z.B. Baden-Württemberg mit seinem Modell der „operativ eigenständigen Schule/OES“, bemühen sich, den Schulen mehr Freiräume zur Ausgestaltung eigener Qualitätsziele einzuräumen. Wie verträgt sich diese Eigenständigkeit mit dem Gedanken der Schulinspektion?

Kurz: Folgt man z.B. Prof. Olga Zlatkin-Troitschanskaia, so ist erhöhte Eigenverantwortung an Schulen de facto verbunden mit der Zunahme „externer evaluationsorientierter Kontrolle“. Aber auch de jure, denn jedes schulgesetzlich verankerte Recht der eigenverantwortlichen Gestaltung ist in der Regel mit der schulgesetzlich verankerten Verpflichtung zur Reflexion und Bewertung (Schule) und des Controllings (Schulaufsichten; Externe) verbunden. Insofern passt die Inspektion als Instrument durchaus.
Die Schwierigkeit ergibt sich m.E. durch die Logik von Inspektionen bzw. Externen Evaluationen. Besonders dann, wenn diese Inspektionen an beruflichen Schulen durchgeführt werden, die ein ganzheitliches Qualitätsmanagement aufgebaut haben. Inspektionen sind grundsätzlich als Primärevaluationen angelegt und bewerten die Güte von Schule und Unterricht nach den Standards, die in der Regel von den Kultusministerien entwickelt und in so genannten Orientierungsrahmen gefasst sind und schulstufenübergreifend gelten. Diese Logik der Primärevaluation widerspricht sehr wohl den Zielen einer weitgehend eigenverantwortlichen Schule, da jede Schule nach den gleichen Kriterien guten Unterrichts bzw. guter Schule „gemessen“ wird, egal welches Schülerklientel, welches Einzugsgebiet etc. die Schul- und Unterrichtskultur prägt. Fraglich ist auch, ob sich Schulqualität oder auch die Realisierung vorgegebener Qualitätsstandards mittels kurzzeitiger Schulbesuche wirklich erfassen lässt und ob eine solche Rückmeldung von den Akteuren vor Ort dann für die Weiterentwicklung der Schule genutzt wird. Die Ergebnisse aktueller Studien in Baden-Württemberg, Sachsen und Berlin/Brandenburg weisen hier auf erhebliche Probleme hin.
Als Alternative hat etwa Bremen für die beruflichen Schulen den Weg der Metaevaluation gewählt, d.h. bei der Externen Begutachtung der Schule wird geprüft, ob diese ein gut implementiertes und wirksam genutztes Qualitätsmanagement hat; die Verantwortung für die Qualität der schulischen und unterrichtlichen Prozesse bleibt dabei ausschließlich bei der Schule.

 

DEQA-VET: Welchen Weg geht Bremen hinsichtlich der QS in den beruflichen Schulen?

Kurz: In Bremen wird nach der Implementierung der Qualitätsmanagementsysteme an den Schulen derzeit an drei Stellen an einer Weiterentwicklung des Qualitätskonzepts für die beruflichen Schule gearbeitet: Zum einen erfolgt eine Modifizierung der Externen Evaluation, die zukünftig gezielter nach der institutionellen Wirkung des schulischen Qualitätsmanagements fragt. Dabei kann die Schule wählen, ob sie sich fokussiert entweder bezogen auf die Sicherung von Entwicklungsvorhaben oder in Hinblick auf die Sicherung alltäglicher Prozesse evaluieren lässt. Zum zweiten wird es an der Schnittstelle zwischen Schulleitungen und der Schulaufsicht im Rahmen von jetzt schon bestehenden jährlichen Ziel-Leistungs-Vereinbarungen den Einsatz eines so genannten Indikatorensystems und eines Interventionskonzepts geben, mit dem sicher gestellt wird, dass formale und strukturelle Elemente eines funktionierenden Qualitätsmanagements an den Schulen vorhanden sind und weiterentwickelt werden. Und schließlich gibt es eine Studie zur Wirkung des Qualitätsmanagements, die nach dessen Wirkung auf das Lernen der Schülerinnen und Schüler fragt. Aus den Ergebnissen sollen Handlungsempfehlungen abgeleitet werden, die auf eine Weiterentwicklung der implementierten Systeme zielen, so dass diese enger als bisher mit den täglichen Lehr-Lern-Prozessen verbunden werden können. Alle drei Vorhaben werden derzeit im Rahmen eines durch Mittel des Europäischen Sozialfonds geförderten Projekts ‚WiQi’ realisiert.

 

DEQA-VET: Vielen Dank für das Interview!

(Juni 2013, Interview: Helena Sabbagh)

Sabine Kurz

  • Senatorin für Bildung und Wissenschaft; Referentin für Qualitätsentwicklung und Standardsicherung
  • Rembertiring 8-12
  • 28195 Bremen
  • Telefonnummer: +49 (0)421/361-14185
  • E-Mail#NAME?: Sabine.Kurz@bildung.bremen.de
  • Homepage: http://www.bildung.bremen.de/sixcms/detail.php?gsid=bremen02.c.730.de

Dokumente

  • Vita Sabine Kurz
    [PDF - 192,1 kB]

     (URL: https://www.deqa-vet.de//_media/PDF_allgemein/Sabine_Kurz_Berufliche_Vita.pdf)