DEQA-VET: DEQA-VET-Interview mit Jürgen Siegle - Leiter der PAL

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DEQA-VET-Interview mit Jürgen Siegle - Leiter der PAL

DEQA-VET: Herr Siegle, Sie sind seit 2002 Leiter der PAL – was finden Sie an dem Thema QS in der beruflichen Bildung so spannend und seit wann befassen Sie sich damit?

Siegle: Gleich nach dem Studium übernahm ich die Gesamtverantwortung für die Ausbildung bei einer mittelständischen Versicherung. Hier wurde mir schnell klar, wie wichtig das Thema Qualitätssicherung in der beruflichen Bildung für Auszubildende und Unternehmen ist.

Nur mit qualifiziert ausgebildeten Fachkräften können die Unternehmen den aktuellen und zukünftigen Anforderungen entsprechen und somit erfolgreich auf dem Markt agieren. Gleichzeitig bietet eine qualifizierte Berufsausbildung unseren jungen Menschen gute Beschäftigungs- und Karrierechancen. Und: Die geringe Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland lässt zunehmend andere europäische, aber auch außereuropäische Länder auf unsere Berufsbildung schauen.

Auch im Rahmen meiner zweiten beruflichen Station bei einem regionalen Kreditinstitut - dort hatte ich die Gesamtverantwortung für die Personalentwicklung Innendienst inne - bestätigte sich meine Einstellung: Qualitätssicherung in der beruflichen Bildung sichert den Bedarf an zukünftigen Fach- und Führungskräften. So initiierten wir damals ein Personalentwicklungsprogramm - beginnend in der Ausbildung, endend in Führungskräftetrainings -, das sukzessive auf die jeweils vorangegangenen Bausteine aufbaute.

Das Arbeiten mit Menschen, sie beruflich zu fördern und zu entwickeln ist eine der schönsten und spannendsten Aufgaben – vor allem, wenn man die späteren beruflichen Erfolge seiner ehemaligen Auszubildenden sieht.

DEQA-VET: Warum ist die Arbeit der PAL aus Ihrer Sicht so wichtig?

Siegle: Kernthema einer jeden Ausbildung ist Qualität. Nur mit qualitativ gut ausgebildeten Fachkräften können unsere Unternehmen am Markt bestehen und somit Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Wohlstand sichern. Weitere wichtige Faktoren sind Chancengleichheit, Mobilität und Flexibilität. Deshalb wünschen sich Eltern, Auszubildende und Unternehmen länderübergreifende Bildungsstandards.

In Deutschland haben wir in der beruflichen Bildung den großen Vorteil, dass mit den bundesweit gültigen Ausbildungsverordnungen und darauf abgestimmten Bundesrahmenlehrplänen die Grundlagen vorhanden sind, dass eine duale Berufsausbildung auf mehr als eine spezifische Tätigkeit in einem Unternehmen oder Betrieb vorbereitet.

Der Qualitätssicherung durch zentrale Prüfungen kommt dabei eine wichtige Funktion zu. Bereits mit der TIMSS-Studie wurde festgestellt, dass zentrale Prüfungen die Schülerleistung erheblich steigern. Diese Effekte wurden auch in den PISA-Studien bestätigt.

Zentrale, bundeseinheitliche Prüfungen definieren die Leistung der Auszubildenden gemessen an einem externen Standard und nicht relativ zu anderen Auszubildenden des Betriebs oder der Berufsschule. D.h. sie tragen stark zur Vermeidung von Referenzgruppeneffekten bei. Sie richten sich nach bundesweit gültigen Ausbildungsverordnungen und darauf abgestimmten Bundesrahmenlehrplänen und garantieren somit eine objektive Aussage zur Leistung der Auszubildenden, unabhängig von regionalen Besonderheiten.

Prüfungsergebnisse werden zudem bundesweit vergleichbar. Dies führt bei den Unternehmen zu einem geringeren Einstellungs- und Auswahlaufwand, so dass nicht, wie z. B. im universitären Bereich, ein zusätzliches „Ranking“ der Ausbildungsinstitutionen notwendig ist. Damit tragen zentrale Prüfungen zu Flexibilität und höheren Beschäftigungschancen der Arbeitnehmer bei.

Ich denke, zentrale Prüfungen der PAL sind ein wichtiger Baustein in der Qualitätssicherung der Ausbildung, auch wenn die Prüfung nicht der Maßstab dessen sein sollte, an dem sich die Ausbildung ausrichtet.

DEQA-VET: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Qualität unserer Berufsbildung?

Siegle: Ein großes Thema sehe ich darin, dass Ausbildungsverordnungen in Deutschland die berufliche Handlungsfähigkeit abbilden sollen und dabei die berufliche Prozesskompetenz verstärkt im Fokus steht. Das zeigte sich z. B. in den Jahren 2003 bzw. 2004, als die Elektro- und Metallberufen neu geordnet wurden.

Vor allem die Vermittlung und Prüfung der Prozesskompetenz stellen alle an der Ausbildung Beteiligten, d. h. die Auszubildenden, Ausbilder/-innen, Lehrer/-innen und Prüfungsaufgabenersteller/-innen sowie nicht zuletzt die Prüfer/-innen selbst vor große Herausforderungen.

Besonders intensiv ist die Diskussion bzgl. betrieblicher und beruflicher Prozesskompetenz. Die betriebliche Prozesskompetenz, die im Fokus jedes einzelnen Betriebs steht, kann im nächsten Betrieb schon wieder ganz anders aussehen. Die berufliche Prozesskompetenz orientiert sich dagegen am Zyklus der vollständigen Handlung, die das selbstständige Planen, Durchführen und Kontrollieren als ganzheitliche Qualifikationen umfasst.

Wie sich dieser ganzheitliche Ansatz mit den Tendenzen einer verstärkten Modularisierung vereinbaren lässt? Dies zu klären halte ich im Sinne der Qualität für eine entscheidende Aufgabe.

DEQA-VET: Auf europäischer Ebene hat sich im vergangenen Jahrzehnt Einiges getan: Haben Sie den Eindruck, dass die europäischen Instrumente Europass, EQR, ECVET und EQAVET national wahrgenommen werden? Spielen sie in Ihrer Arbeit eine Rolle?

Siegle: Eine gute Frage! Die Wahrnehmung der einzelnen Instrumente ist aus meiner Sicht höchst unterschiedlich.

Meinem Eindruck nach wird das Thema Qualitätssicherung auf europäischer Ebene sehr intensiv in der „Bildungs-Community“ diskutiert, also von Bildungsanbietern und Stakeholdern wie z. B. Professoren, Kammern etc. Deshalb wird meines Erachtens  EQAVET u. a. national nur innerhalb dieser Kreise verstärkt wahrgenommen. Dies finde ich sehr schade. Die Qualitätssicherung von Berufsbildung ist eine Schlüsselfunktion bei der Schaffung von Vertrauen und Weiterentwicklung von Bildungssystemen. Gerade hier kann das deutsche Berufsbildungssystem mit guten Standards und Best-Practice-Beispiele aufwarten.

Am weitesten verbreitet bei Unternehmen und Auszubildenden erscheint mir der Europass, ein vielseitiges, praxisrelevantes Dokumentations-Instrument von Qualifikationen und Kompetenzen, das z.B. auch für Auslandsaufenthalte genutzt wird und auch Inhalt des Prüfungsbereichs Wirtschafts- und Sozialkunde ist.

Zum Thema EQR und vor allem auch DQR: Hier sehe ich eine Entwicklung, die ich nicht ganz nachvollziehen kann. Anlass für die Entwicklung des EQR war meines Erachtens die Erhöhung der Transparenz und Vergleichbarkeit von Qualifikationen und damit die Mobilität auf dem europäischen Arbeitsmarkt. So wie ich es wahrnehme, ist im nationalen Umsetzungsprozess des DQR davon momentan keine Rede mehr. Hier stehen nur noch Fragen rund um unser nationales Bildungssystem im Mittelpunkt der mitunter sehr strittigen Diskussion.

Auch das Ziel von ECVET ist die Förderung der Mobilität in Europa. Hier wird die Entwicklung eines sogenannten Leistungspunktesystems empfohlen, um den Transfer und die Anerkennung von beruflichen Kompetenzen zwischen den europäischen Mitgliedsstaaten zu erleichtern. Bislang sehe ich jedoch kaum Ansätze, wie dies konkret realisiert werden könnte. Daneben führen wir bei diesem Thema in Deutschland eine sehr intensive politische Diskussion. Die Förderung der sogenannten „Lernergebniseinheiten“ verstärken die bereits angesprochenen Modularisierungstendenzen. Diese sehe ich jedoch im Gegensatz zu den Ansprüchen deutscher Berufsbildung im Sinne von beruflicher Ganzheitlichkeit.

DEQA-VET: Wie stellen Sie sich die Arbeit der PAL in 10 Jahren vor?

Siegle: Die demographische Entwicklung und die Tendenz zu kleinen und Kleinstberufen in den gewerblich-technischen Berufen stellen eine zentrale Prüfungsaufgabenerstellung vor große Herausforderungen. Hier werden wir neue Wege beschreiten, um auch weiterhin qualitativ hochwertige Prüfungen zu garantieren.

Außerdem sehe ich der weiteren Diskussion auf europäischer Ebene bezüglich Modularisierung der Berufsausbildung und dem deutschen Anspruch auf eine ganzheitliche Berufsausbildung mit ganzheitlicher Prüfung mit Spannung, aber auch mit Sorge entgegen. Der Ausgang dieser Diskussion wird die Arbeit der PAL in den nächsten Jahren maßgeblich beeinflussen. Werden wir zukünftig modularisierte oder weiterhin ganzheitliche Prüfungen erstellen? Welche Rolle kann und wird die Feststellung der Prozesskompetenz dann noch spielen? Wie können wir bei geänderten Rahmenbedingungen die Qualität in der Prüfungsaufgabenerstellung weiterhin garantieren?
Dies sind m.E. die zentralen Herausforderungen der nächsten Jahre.

Auch bin ich der Überzeugung, dass im Laufe der nächsten zehn Jahren die Europäisierung und Internationalisierung der Berufsbildung weiter nach vorne getrieben wird. Bereits heute verstärken sich die Anfragen nach Unterstützung durch die PAL aus den europäischen Staaten. Auch international hat das Thema duale Berufsausbildung und Qualität der deutschen Berufsausbildung bereits in Regierungserklärungen, so z.B. der chinesischen und der US-amerikanischen Regierung, Platz gefunden. Ein wichtiger Bestandteil dabei ist immer das qualitativ hochwertige Prüfungssystem.

Somit: Wie stelle ich mir die Arbeit der PAL in 10 Jahren vor? - Anders.

DEQA-VET: Vielen Dank für dieses Interview!

(Stuttgart, 12. August 2012, Interview: Helena Sabbagh)

 

 

 


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Kontakt

Jürgen Siegle

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  • Faxnummer: +49 (0)711/ 2005-1830
  • E-Mail#NAME?: pal@stuttgart.ihk.de
  • Homepage: http://www.stuttgart.ihk24.de/aus_und_weiterbildung/pal/961578/pal_index.html

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